Susanne Ayoub: Engelsgift

Kurzzusammenfassung: 

Die von einer persönlichen Tragödie gezeichnete Autorin Marie Horvath stößt auf den Aufsehen erregenden historischen Kriminalfall der Karoline Streicher. Die engelsgleich schöne aber verschwendungssüchtige und habgierige Frau wurde 1938 in einem spektakulären Indizienprozess des Mordes von vier ihrer Familienmitglieder verurteilt und schließlich dafür  hingerichtet. Jetzt taucht Hermann Streicher, Karolines inzwischen greiser Sohn, bei Marie auf und behauptet, seine Mutter sei zwar ein menschliches Monstrum, aber keine Mörderin gewesen. Fasziniert von der Geschichte, geht Marie dem düsteren Geheimnis der Streichers immer weiter nach und merkt erst spät, dass ihre Rolle im Spiel von Hermann Streicher schon lange feststeht …

Susanne Ayoub Engelsgift

Meine Meinung:

Was für ein Brocken von einem Buch. Susanne Ayoubs erster Roman beschäftigt sich mit dem wahren historischen Kriminalfall im Wien der 20er und 30er, den sie mit geänderten Namen in einen wunderbar recherchierten Roman im Grenzbereich zwischen Krimi und Historienroman verwandelt hat. Sie versteht es wirklich ausgezeichnet, die bedrückende, ärmliche, verwanzte und aggressiv aufgeladene Atmosphäre im Wien der aussichtslosen Zwischenkriegsjahre einzufangen. Und zwar mit einer Sprache, die ungewöhnlich und einfallsreich, kurz – für mich faszinierend ist. Die Geschichte ist wirklich raffiniert aufgebaut, und lässt den Leser bis zum Schluss im Unklaren – war es so? War es so nicht? So bleibt die Geschichte spannend, obwohl ja das Schicksal der Karoline Streicher von Beginn an feststeht. Aber in Engelsgift ist eben der Weg das Ziel. Und auch die Charaktere der Karoline und ihrer nicht minder widerwärtigen Umgebung sind Susanne Ayoub sehr plastisch gelungen.

Hierin liegt für mich auch der einzige Haken – zu gerne würde ich ein Fünkchen Sympathie für die Figuren dieses Dramas entwickeln. Deren Leben ist wirklich schwer genug, sie sind Opfer von schlechten Zeiten, miesen Lebensumständen und atemberaubenden Schicksalsschlägen. Doch sie sind, das muss man leider sagen, durch die Bank so abscheulich geraten, es war mir unmöglich, Mitleid für sie zu empfinden. Leider ist auch Marie, die als emotionaler Anker im Jetzt fungieren könnte, so flach, ruppig und abweisend, dass auch sie mir fremd blieb, trotz ihres schweren Schicksals. Ich bin ja persönlich sehr für Realismus, aber hier hätte ich mir tatsächlich ein wenig mehr Liebenswürdigkeit gewünscht zwischen all dem Horror.

Trotzdem – ein interessantes Stück Literatur, das ich sehr empfehlen kann. Wenn mir nun auch der Sinn wieder nach etwas leichterer Kost steht. :)

Fazit:
Ein historischer Kriminalfall im Wien der Zwischenkriegszeit, atmosphärisch dicht und sprachlich interessant aufbereitet. Ein intensives, aber an vielen Stellen bedrückendes Leseerlebnis.