Ellen Dunne - Boom Town Blues

Boom Town Blues

Der dritte Fall von Patsy Logan

Patsy Logan muss weg. Von ihrem Job beim LKA München. Von ihrer kriselnden Ehe. Offiziell auf Bildungszeit, will sie in Irland Abstand von ihrem alten Leben gewinnen. Und muss schneller als beabsichtigt zurück zu ihren alten Stärken finden, denn in der österreichischen Botschaft wird eine junge deutsche Praktikantin vergiftet. Zusammen mit dem irischen Team und dem Kollegen Sam Feuerstein nimmt sie die Ermittlungen auf – und blickt mitten in die hässliche Fratze von Ausbeutung und Kapitalismus…

Aidan, im Dezember
Die Stadt glitzert heute Abend. Funkelt wie die Augen eines Wahnsinnigen. Auf der Baggot Street nahe St. Stephen’s Green fädelt sich der Feierabendverkehr auf, glüht Bremslicht an Bremslicht, dünstet die Stadt Abgase aus allen Poren.
Beschissener Stau.
Fußgänger umspülen seinen Golf auf ihrem Weg ins Stadtzentrum, branden gegen diejenigen, die rauswollen aus dem Hexenkessel und nach Hause. In jedem Fenster Weihnachtsdekoration, an jeder Frau Strass oder Pailletten oder Gold oder alles zusammen. Gespräche über kabellose Kopfhörer, Gesprächsfetzen, kurze Lachsalven wechseln sich mit dem Hupen von Taxifahrern am Ende ihrer Geduld. Sie sind auf dem Weg zu Weihnachtsfeiern, zu Vorweihnachtsdrinks oder zur dezemberlichen Girls’ night out.
Unwillkürlich sucht er Steph unter ihnen. Ihren geradlinigen Gang, ihren honigfarbenen Dutt. Natürlich unmöglich. Ihre Schicht hat schon begonnen. Cocktails mischen im Akkord, ihre Hände kondenswasserfeucht und rau wie Katzenzungen. Seit der Renovierung stehen sie wieder Schlange vor dem Café en Seine. Dort heißen die Barleute „Mixologen“ und jeder Drink kostet mehr, als Steph in der Stunde verdient.
Und das ist noch gar nichts. Für Samstag hat Aidans Kanzlei eine Party im Cottage Garden geplant, dem neuesten Streich eines Szene-Wirts. Geschlossene Gesellschaft. Festes Menü mit sieben Gängen, Weinbegleitung, offene Bar. 400 Kröten pro Nase. Sheila vom Empfang hat ihm das gesteckt. Nicht ohne Stolz. Sie hat das Ganze organisiert. Sonst werden die Plätze im Cottage Garden Monate im Voraus verlost. Aber der Szene-Wirt ist auch Klient. Er entwickelt immer mal wieder eine Schwäche für eine seiner Mitarbeiterinnen. Lässt ihn eine abblitzen, feuert er sie. Lässt sie sich das nicht gefallen,
kommt die Kanzlei Hogan, Black & O’Keefe ins Spiel.
Konziliant lächelnde Männer in schlichten Anzügen, die meist in Gruppen auftreten und der Klägerinnenpartei in knappen Worten darlegen, was sie erwartet, sollte es zu einem Prozess kommen. Dazu kommt es selten. Spätestens nach dem Treffen ersticken die gegnerischen Anwälte das Ansinnen der eigenen Klientin im Keim. Ein sparsamer Vergleich, Ende. Aidan ist einer dieser Männer. Es gab eine Zeit, da war er stolz darauf. Nicht wegen des schmierigen Szene-Wirts. Aber weil HBO, so nennt man sich in der Kanzlei, in der Branche nicht irgendwer ist. Auf der Klientenliste drängt sich gut ein Drittel aller Multi-Nationals, die ihre steuerabweisenden Zelte in Dublin aufgeschlagen haben.
Ein großes Glück, direkt nach dem Studium dort unterzukommen, erst recht während der Finanzkrise. Die meisten seiner Freunde sind ausgewandert, viele von ihnen noch immer in Australien oder Kanada. Er ist einer der wenigen mit genug Geld für ein eigenes Haus. Nur zwei Schlafzimmer, aber dafür im Dubliner Süden. Monkstown. Dort lebt, wer es sich leisten kann. Und Aidan, das Landei mit Ambitionen.
Das Landei, das einen saftigen Bonus eingesackt hat, heute beim Jahresgespräch. Den hat er sich verdient, es war ein Rekordjahr für die Kanzlei. Die Partner seien zufrieden mit seiner Arbeit, hat ihm sein direkter Vorgesetzter Peter ausgerichtet. Er solle seinen Anteil daran ordentlich feiern am Samstag. Augenzwinkern, Schulterklopfen. Aidan hat sich herzlich bedankt, Peters Hand geschüttelt und beschlossen, am Samstag nicht zu der Weihnachtsfeier zu gehen. Irgendeine Ausrede würde ihm schon einfallen.
Endlich verglühen die Bremslichter. Bewegung kommt in die Kolonne. Aidan lässt das Fenster nach unten surren, öffnet noch einen Knopf seines Hemdes, neigt den Kopf zur Seite und hält das Gesicht in den Fahrtwind. Noch ist die Luft zahnlos. Der Winter nimmt Anlauf über dem Atlantik.
Peter hat Recht. Den Bonus hat er sich verdammt nochmal verdient. Nicht wegen der Pendelei. Nicht wegen der 70 Wochenstunden. Arbeit ist er vom Hof seiner Eltern gewohnt. Es ist der menschliche Dreck, durch den er seit Monaten watet. Eigentlich nichts Neues. Den gab es schon immer in seinem Beruf. Aber seit er diesen neuen Klienten betreut, beginnt der Dreck an ihm zu kleben. Liegt ihm in der Nase wie Kuhscheiße. Manchmal auch mitten in der Nacht, wenn er aufwacht. Der schwefelige Gestank von Schuld.