Ellen Dunne - Schwarze Seele

Schwarze Seele

Der neue Fall von Patsy Logan – erhältlich ab 14.1.2019

Siobhan MacFadden hatte lange Haare in salongefärbtem Silbergrau, große Rehaugen und Stimmbänder aus Stacheldraht; in sich einen Zorn, so profund, er musste über Jahre gepflegt worden sein.

Gemeinsam mit ihrem dreizehn Jahre jüngeren Bruder Donal und ihren Eltern führte sie ein kleines Hotel im Küstenort Bray, zwanzig Kilometer südlich von Dublin. McFadden’s Inn hatte sich in den letzten Jahren als kulinarisches Pub mit ein paar Gästezimmern etabliert.

Am Sonntag vor einer Woche waren die Geschwister mit dem Abendflug nach München gereist und hatten am Montag und Dienstag die Wein- und Spezialitätenmesse auf der Praterinsel besucht. Am Mittwoch, Allerheiligen, war Siobhan morgens zurück nach Dublin geflogen, während Donal noch bis Donnerstagabend in München hatte bleiben wollen. Als er am Freitagmorgen nicht wie vereinbart im Inn aufgetaucht war und auch sein Mobiltelefon abgeschaltet blieb, hatte Siobhan sich an die Dubliner Polizei gewandt.

»Nutzloses Pack, alle zusammen.« Sie umklammerte ihr Einwegfeuerzeug. Tack, tack, tack – Kante gegen Tischoberfläche. Perfekte Fingernägel in schillerndem Blau. Der Rest einer Halloween-Party, vielleicht. »Ich soll mich beruhigen, haben sie gesagt. Donal wäre ein erwachsener Mann, ›spontan verlängerter Urlaub‹ und so ein Bullshit.« Tack, tack, tack. »Erst am Samstag haben sie mich ernstgenommen. Und auch da ist nicht mehr passiert als so ein blöder Vermisstenaufruf. Dabei hab ich denen schon gesagt, dass Donal wahrscheinlich nie in Irland angekommen ist. Montagfrüh hatten die noch immer nichts Brauchbares auf der Reihe. Also hab ich die Sachen gepackt und bin hergeflogen. Man muss sich selbst kümmern, sonst tut’s keiner.«

So war Siobhan MacFadden am Montagabend im Präsidium aufgetaucht, aufgelöst in Schweiß und Angst, und hatte dort Feuer gespien, bis sich jemand aus dem K14 ihrer angenommen hatte: Burkhardt Hauser.

Siobhans rüder Ton und ihr Dubliner Akzent hatten Burk- hardt und sein Schulenglisch ordentlich überfordert. Dennoch hatte er die Frau irgendwie dazu überreden können, am Dienstag wiederzukommen – man würde bis dahin Kon- takt mit den irischen Kollegen aufnehmen und die Situation klären.

Die Dolmetscherin war bis Donnerstag über beide Ohren anderweitig beschäftigt, der Ersatzdolmetscher lag mit Magen-Darm-Grippe im Bett. Was also tun? Auftritt Patsy Logan, Halbirin väterlicherseits und immer wieder gerne angefragt, wenn es zu Engpässen in Sachen englischer Sprache kam.

Jetzt saß ich da, in einem überheizten Besprechungsraum ohne Fenster, filetiert von Siobhan McFaddens Blicken, zu viel von ihrem blumigen Parfum in der Nase, während Burk- hardt neben mir hüstelnd seine Akten studierte.

Tack, tack, tack.

»Ihr Ansprechpartner, Detective Mahony«, er zog das O übermäßig in die Länge, »also, der Kollege hat heute die Bestätigung von Aer Lingus erhalten, dass Donal für seinen Rück- flug nach Dublin nie eingecheckt hat, also wahrscheinlich gar nicht am Flughafen erschienen ist.«

Siobhan McFadden verdrehte die Augen.

Tack, tack, tack.

»Außerdem«, bemühte sich Burkhardt um Contenance, »hat sich gestern die Dame, bei der Sie letzte Woche untergebracht waren, gemeldet, weil sie das Gepäck Ihres Bruders gefunden hat. Es spricht also einiges dafür, dass sich Donal noch in München …«

»Das sag ich doch schon seit Freitag. Aber gut, dass Sie jetzt auch bei der Erkenntnis angelangt sind.«

Diese Frau hatte den Charme einer Faust aufs Auge. Vielleicht ein Ausgleich für all die Romantikwochenenden, die sie für ihre Gäste organisieren musste.

»Wollen Sie eine Zigarettenpause machen?«, fragte ich.

Ihre penibel gezupften Augenbrauen schossen nach oben, sie beugte sich zu mir vor. Das Feuerzeug wie eine Waffe auf mich gerichtet. »Was ich verdammt nochmal will, ist: wissen was mit meinem Bruder passiert ist.«

So schwer sie es einem machte – Siobhan McFadden tat mir leid. Ich kannte sie nur zu gut, die Verzweiflung, wenn ein Angehöriger verschwunden war. Der ungestillte Hunger nach Information machte jede Minute zur Stunde, jede Stunde zum Tag; der Kampf zwischen Hoffnung und besserem Wissen ließ keine Energie übrig für Schlaf, Essen, Umgangsformen. Siobhan war all das anzusehen: Ihre harte Tour war nur die letzte Etappe vor dem Zusammenbruch.

»Ich weiß, in dieser Situation geht für Sie als Betroffene alles zu langsam«, sagte ich. »Die irischen Kollegen haben inzwischen offiziell um unsere Hilfe angesucht. Detective Hauser setzt alle Hebel in Bewegung, doch wir müssen Sie noch um ein wenig Geduld bitten.«

In ihren Augen flackerte es. Auf ihrer Zunge brannte der Ratschlag, wohin ich mir meine falsche Anteilnahme stecken konnte. Mit sichtbarer Mühe schluckte sie ihn runter.

»Wenn ich Ihnen einen kleinen Tipp geben darf: Sprechen Sie zuerst mal mit dieser Bitch von Fee. Ich wette, die hatte da ihre Händchen im Spiel.«

Ich bat Burkhardt stumm um Klärung.

»Fiona McFadden ist Donal McFaddens Ehefrau«, sagte Burkhardt und versenkte den Blick wieder in seinen Akten.

»Seit Ende Februar dieses Jahres lebt sie von ihrem Mann getrennt, seit März ist sie hier in München gemeldet.«

»Letzten Dienstag wollte sich Donal mit ihr treffen, um sich auszusprechen«, schaltete sich Siobhan ein. »Hat er auch getan, ich hab das schon letzten Samstag aus ihr rausgekriegt. Sie waren bis in den späten Abend unterwegs. Seitdem hat ihn niemand mehr gesehen.«

Ich hatte schon subtilere Schuldzuweisungen gehört. »Das heißt, er ist nach dem Treffen nicht mehr in Ihre Unterkunft zurückgekehrt?«

»Nein.«

»Hat Sie das nicht beunruhigt?«

»Wäre ich sonst zurück nach Dublin geflogen?« Siobhan

legte den Kopf schief und fixierte mich, ihre Züge noch faszinierender, ihre silbernen Haare beinahe übernatürlich, ihre Dornen noch offensichtlicher. »Donal war verrückt nach Fee. Dass sie ihn verlässt, war undenkbar für ihn, und er bildete sich ein, er könnte sie zurückholen. Er kann sehr charmant sein, wenn er will. Ich dachte, er hat sie irgendwie rumgekriegt und übernachtet bei ihr. Und wenn nicht bei ihr, dann bei irgendeinem Mädchen, das er stattdessen aufgegabelt hat und so lange fickt, bis es ihm wieder besser geht. So ist er. Kann immer alle und alles haben. Aber er wollte ja unbedingt diese falsche Schlange.« In ihrer Stimme rieben schwesterlicher Stolz und Verachtung aneinander.

»Wann haben Sie das erste Mal vermutet, dass etwas nicht stimmt?«

»Donnerstagabend. Da wollte ich ihn wegen des Frühstücks am Freitag was fragen, und sein Mobiltelefon war abgeschaltet. Nicht mal die Mailbox sprang an, verstehen Sie?« In Windeseile wechselte ihre Miene von besorgt zu verzweifelt zu granitharter Überzeugung. »Fee und ihr Stecher, dieser Nichtsnutz von Steve, die beiden haben Donal auf dem Gewissen.«

Anschuldigungen als letzte Verteidigungslinie gegen die unerträgliche Ungewissheit. Es sei denn, sie hatte ihre Finger mit drin in diesem Todesfall und wollte ihr schlechtes Gewissen überspielen.

Mordkommissions-Gedanken. Weg damit.

»Zu diesem Zeitpunkt sollten wir optimistisch bleiben. Ihr Bruder wird sicher gesund und munter wieder auftauchen.«

Siobhan schnaubte bloß ihren Feueratem in meine Richtung. Wieder das Falsche gesagt.

Gerade als Burkhardt sich für eine deeskalierende Antwort räusperte, klopfte es an der Tür. Ein Kollege steckte den Kopf herein, entschuldigte sich knapp und flüsterte Burkhardt zu, kurz mit ihm nach Draußen zu kommen.

Als Burkhardt Hauser wenige Minuten später wieder den Raum betrat, war sein gutmütiges Gesicht zu einer Maske erstarrt, seine Lippen so schmal, dass sie hinter seinem Bart verschwanden. Immer wieder strich er sich mit der linken Hand darüber. In der rechten hielt er eine Asservatentasche mit einem Smartphone darin.

Siobhans alarmierter Blick fiel sofort auf den blauen Bumper mit der Aufschrift »Leinster Rugby«.

Burkhardt fragte trotzdem: »Is this the handy of your brother?«

Ein Pfeifen drang aus ihrer Kehle wie Luft aus einem Ballon, ihre Angriffslust nur noch Schall und Rauch.

»Es sieht genauso aus wie seins. Wo kommt das her? Ist Donal aufgetaucht?«

Burkhardt hüstelte, warf mir einen Blick zu, der alles sagte.

Worst-Case-Szenario. Unhappy End. Die verhassteste Situation jedes Kriminalbeamten, und wir mittendrin.

»Ein Spaziergänger hat es heute Morgen gefunden. Es steckte in der Hosentasche eines Ertrunkenen, den wir bisher noch nicht iden…«

Der Rest ging in Siobhans Schluchzen unter. Raue, bellende Laute, die mir sofort unter die Haut fuhren, sich in meine Eingeweide wühlten.

Zum Glück gehörte aktive Anteilnahme zu Burkhardts Qualitäten. Er tätschelte Siobhan McFadden die zittrige Hand und reichte Taschentücher, während ich das Weite suchte, um jemanden aus dem Psychologenteam zu organisieren.